Meilenstein

2 Meilen bis Berlin

Die Großbeerener kennen ihn alle. Obwohl, bei den neu „Zugezogenen“ ist das nicht sicher. Jedenfalls hatten manche Großbeerener in ihrem Leben eine tausendfache Begegnung mit ihm.

Gegrüßt und einen „Guten Tag“ gewünscht haben sie ihn nie. Gleichwohl hat er bislang aber alle überlebt.

Jeder geht einmal an ihm vorüber, sieht ihn, aber so richtig beachtet und wahrgenommen wird er zumeist nicht. Wozu auch? Der ist eh stumm und kann weder sehen noch hören. Es ist ja bloß so ein Stein und der stand schon immer da. Das ist zwar in zweierlei Hinsicht nicht ganz richtig, denn aufgestellt wurde er, beziehungsweise der Vorgängerstein, wahrscheinlich 1864 mit der Fertigstellung der Chaussee und zweitens stand er ursprünglich an einem anderen Punkt.

Frei nach Friedrich Schiller könnte man sagen: „Fest eingemauert in der Friedhofsmauer…“

Was nicht heißen soll, dass der Stein unter dem Schutz der Kirche steht oder die Großbeerener Angst gehabt hätten, er könnte gestohlen werden, was nicht ganz unberechtigt gewesen wäre. Zur DDR-Zeit war es schon gut, dass er so fest an den Ort gebunden war. Womöglich wäre sonst der Devisenbeschaffer Schalk-Golodkowski noch auf den Gedanken gekommen, den Stein in den „Westen“ zu verhökern.

Er, der Stein, hat auch einen Namen, nämlich „Meilenstein“. Sogar gewisse menschliche Züge hat er aufzuweisen. Charakterlich ist er, seinem Namen alle Ehre erweisend, steinhart und auf seiner Brust trägt er eine Tätowierung „II Meilen bis Berlin“, und eine Geschichte könnte er auch erzählen.

Ernsthaft würde die sich in etwa folgendermaßen anhören:

„Im Jahre 1786 verlief ein Feldweg von Berlin über Tempelhof-Mariendorf-Marienfelde-Großbeeren-Thyrow-Trebbin-Luckenwalde in Richtung Jüterbog.“

Diese Verbindung wurde seit 1795 auch von der fahrenden Post genutzt, wie eine Karte von 1819 zeigt (lt. Karte von Oesfeld, siehe Pfeil).

Der Ausbau dieses Weges zur Chaussee erfolgte relativ spät. In Großbeeren trägt der südliche Abschnitt jetzt den Namen „Trebbiner Straße“. Der letzte Bauabschnitt war der zwischen Großbeeren bis Mariendorf. Dieser Straßenteil wurde 1850 projektiert (laut Liman) und 1864 dem Verkehr übergeben (laut Scharfe). Ob zunächst hölzerne Meilensteine an dieser Straße aufgestellt wurden, ist nicht bekannt.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Berliner Meilensteine allgemein durch die sogenannten Rundsockelsteine abgelöst. Diese gaben nur noch die Entfernung in ganzen Meilen bis zum Berliner Schloss (heute Stadt-Mitte) an. Spätestens jetzt muss nun jeder stutzig werden, der sich mit dem Gedanken befasst haben sollte, die Strecke einmal zu bewandern und dem bekannt ist, dass die preußische Meile 2000 Ruten entsprach. In dem heutigen Sprachgebrauch übertragen entspricht dies abgerundet 7.500 m.

Demgemäß wären von Großbeeren bis zum ehemaligen Schloss in Berlins Mitte runde 15 km zu bewältigen. Doch halt, auch das ist so noch nicht richtig, denn mit der Einführung des metrischen Systems (1872) wurden 1875 die Rundsockelsteine von bisher 7,5 km auf 10 km Abstände umgesetzt.

Der Meilenstein „II Meilen bis Berlin“ entspricht der Entfernung von 20 km und steht somit in Großbeeren am richtigen Standort und wie gesagt fest eingemauert.

Wie es aber dazu kam, dass der Meilenstein von der Friedhofsmauer umbaut wurde, war lange Zeit rätselhaft. Bereits seit 1894 befasste sich der Ortsverein Großbeeren mit dem Bau einer Kirchhofsmauer.

Der unbefestigte Hang der Kirche war ins Rutschen gekommen und hatte bereits Gräber freigelegt. Aus einer Pressenotiz vom 16. August 1904 war dann zu erfahren, „dass seit acht Tagen die Vorarbeiten für den Bau einer Kirchenmauer erfolgen. Der Meilenstein stand genau in diesem Bereich, wie es auch in einem Lageplan des Ortes von 1898 verzeichnet ist.

Da nun der Meilenstein in gewisser Weise eine amtliche Dokumentation darstellt, konnte der Stein nicht ohne weiteres entfernt werden und so wurde er aus Platzgründen einfach in die Mauer mit eingebaut.

Schinkel-Kirche, Siegesdenkmal, Gedenkturm, Gedenkstein für die Kolberg’schen Grenadiere und die Bülow-Pyramide stehen für die Ereignisse von 1813, aber das allein macht nicht die Geschichte von Großbeeren aus. Da sind auch noch die kleinen Denkmäler und Erinnerungsstücke, wie eben dieser Meilenstein. In diesem Fall ein Denkmal der Verkehrsgeschichte.

Vor Ehrfurcht braucht deshalb niemand zu erstarren oder vor dem Stein jedes Mal stehen zu bleiben. Nur ein wenig mehr Beachtung verdient er schon.

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